Bis hierher war die Rendite eine Zahl. In der Realität ist sie eine Verteilung, und das ändert die Ergebnisse grundlegend. Diese Stufe behandelt vier Punkte, an denen die einfache Zinseszinsformel systematisch zu optimistische Antworten liefert.
1. Die Volatilitätsbremse
Zwei Anlagen mit identischer Durchschnittsrendite, aber unterschiedlicher Schwankungsbreite führen zu unterschiedlichem Endvermögen. Die schwankungsärmere gewinnt – immer. Der Grund ist die Asymmetrie von Prozentrechnung: Ein Minus von 50 Prozent erfordert ein Plus von 100 Prozent zum Ausgleich.
geometrische Rendite ≈ arithmetische Rendite − σ² / 2
σ ist die Standardabweichung der Jahresrenditen. Bei 8 Prozent Durchschnitt und 20 Prozent Schwankung: 0,08 − 0,04/2 = 6 Prozent tatsächlich erzielbare Rendite pro Jahr. Zwei Prozentpunkte verschwinden allein durch die Schwankung.
| Schwankung σ | Abzug σ²/2 | Effektiv p. a. | aus 10.000 € in 30 Jahren |
|---|---|---|---|
| 5 % | 0,13 % | 7,87 % | 97.400 € |
| 15 % | 1,13 % | 6,87 % | 73.500 € |
| 25 % | 3,13 % | 4,87 % | 41.300 € |
| 35 % | 6,13 % | 1,87 % | 17.400 € |
Alle vier Zeilen haben denselben Erwartungswert von 8 Prozent pro Jahr. Das erreichbare Endvermögen unterscheidet sich um den Faktor fünf. Deshalb ist Streuung nicht nur Risikomanagement, sondern eine Renditequelle: Sie senkt σ bei praktisch unveränderter Durchschnittsrendite.
2. Zeitgewichtet oder geldgewichtet?
Bei laufenden Ein- und Auszahlungen gibt es zwei sinnvolle Renditebegriffe, die unterschiedliche Fragen beantworten.
- Zeitgewichtete Rendite (TWR): Blendet Zahlungsströme aus und misst nur die Wertentwicklung der Anlage. Sie beantwortet: Wie gut war das Produkt? Fondsprospekte nennen diese Zahl.
- Geldgewichtete Rendite (MWR, entspricht dem internen Zinsfuß IRR): Berücksichtigt, wann wie viel Geld investiert war. Sie beantwortet: Wie gut war mein Ergebnis?
Σ Zahlungₜ / (1 + IRR)^t = 0
Der interne Zinsfuß ist der Satz, bei dem alle Ein- und Auszahlungen zusammen den Wert null ergeben. Er lässt sich nicht direkt auflösen, sondern nur iterativ bestimmen – jede Tabellenkalkulation hat dafür eine Funktion.
Die beiden Zahlen können weit auseinanderliegen. Wer nach einem starken Jahr große Summen nachschiebt und im Crash aufhört, hat eine deutlich schlechtere geldgewichtete als zeitgewichtete Rendite. Diese Differenz – in Studien als „Behavior Gap“ beschrieben – ist der messbare Preis für Timing-Versuche. Für die eigene Bilanz ist ausschließlich die geldgewichtete Rendite relevant.
3. Sequenzrisiko: Die Reihenfolge entscheidet
In der Ansparphase ist die Reihenfolge der Renditejahre gleichgültig – Multiplikation ist kommutativ. Sobald regelmäßig entnommen wird, gilt das nicht mehr. Dann entscheidet die Reihenfolge über das Ergebnis.
Der Grund: Wer in einem Verlustjahr Anteile verkaufen muss, verkauft zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen dauerhaft und können an der späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.
| Szenario | Erste drei Jahre | Vermögen nach 25 Jahren |
|---|---|---|
| Schwacher Start | −20 %, −12 %, −6 % | vorzeitig aufgebraucht |
| Starker Start | +18 %, +14 %, +9 % | deutlich über Startwert |
Beide Szenarien enthalten exakt dieselben Jahresrenditen, nur in umgekehrter Reihenfolge – und dieselbe Durchschnittsrendite. Das Ergebnis unterscheidet sich fundamental. Eine Zinseszinsrechnung mit konstanter Rendite kann das Risiko einer Entnahmephase daher grundsätzlich nicht abbilden.
4. Was Steuerstundung wert ist
Steuer, die erst am Ende anfällt, wirkt wie ein zinsloses Darlehen des Fiskus: Der noch nicht abgeführte Betrag arbeitet bis zum Verkauf mit. Bei langen Laufzeiten ist dieser Effekt erheblich.
Zu vergleichen sind zwei Varianten mit identischer Bruttorendite: einmal jährliche Versteuerung der Erträge, einmal Versteuerung erst beim Verkauf am Ende. Über 30 Jahre liegt die gestundete Variante spürbar vorn – nicht wegen eines niedrigeren Steuersatzes, sondern weil der Zinseszins auf der größeren Basis arbeitet.
In Deutschland begrenzt die Vorabpauschale diesen Vorteil: Ein pauschaler Betrag wird bereits während der Haltedauer besteuert. Vollständig aufgehoben wird die Stundung damit nicht, weil die Pauschale in der Regel unter dem tatsächlichen Wertzuwachs liegt und beim Verkauf angerechnet wird.
- Teilfreistellung: Bei Fonds mit hohem Aktienanteil bleibt ein Teil der Erträge steuerfrei – als Ausgleich für die Vorbelastung auf Fondsebene. Für Einzelaktien gibt es diese Entlastung nicht.
- Thesaurierend oder ausschüttend: Ausschüttungen lösen Steuer aus und müssen anschließend aktiv wieder angelegt werden. Bei nicht ausgeschöpftem Sparerpauschbetrag kann eine Ausschüttung dennoch günstig sein, weil sie den Freibetrag nutzt, der sonst verfällt.
- Verkaufsreihenfolge: Deutsche Depots verkaufen nach dem FIFO-Prinzip – die ältesten Anteile zuerst, mit den größten aufgelaufenen Gewinnen. Bei geplanten Teilverkäufen lohnt es, das vorher einzuplanen.
Alles zusammen: eine ehrliche Rechnung
Wer alle Effekte berücksichtigt, kommt von der Bruttorendite eines Aktienmarkts zu einem deutlich nüchterneren Wert:
- Erwartete Bruttorendite eines breiten Aktienmarkts: rund 8 Prozent nominal.
- Abzüglich Volatilitätsbremse bei σ von etwa 17 Prozent: rund 1,4 Prozentpunkte.
- Abzüglich laufender Produktkosten: 0,2 bis 0,5 Prozentpunkte bei kostengünstigen Indexfonds.
- Abzüglich Steuerwirkung während der Laufzeit: je nach Freibetragsnutzung 0 bis 0,5 Prozentpunkte.
- Abzüglich Inflation von etwa 2 Prozent für die reale Betrachtung.
Übrig bleiben grob 3,5 bis 4,5 Prozent realer Zuwachs pro Jahr. Das ist erheblich weniger als die 8 Prozent der Werbebroschüre – und immer noch genug, um Kaufkraft in rund 16 bis 20 Jahren zu verdoppeln. Der Zinseszins bleibt der wirksamste Mechanismus, den Privatanleger haben. Er ist nur langsamer, als die einfache Formel suggeriert.
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