Bewertung: nicht Prognose, sondern Arbitragefreiheit
Der verbreitetste Irrtum über Terminmärkte lautet, der Terminpreis sei die Erwartung des Marktes an den künftigen Kassapreis. Das ist er nicht. Er ergibt sich aus einer Bedingung, die mit Erwartungen nichts zu tun hat: Es darf kein risikoloser Gewinn möglich sein.
Und hier liegt zugleich das Modellrisiko. Die Replikation setzt voraus, dass man laufend anpassen kann und dass Kurse sich stetig bewegen. Beides bricht genau dann, wenn es darauf ankommt: bei Kurssprüngen über Nacht, bei ausgetrockneter Liquidität, bei ausgesetztem Handel. Modelle sind in ruhigen Phasen präzise und in dem Moment unbrauchbar, für den man sie gebraucht hätte.
Der wichtigste Rechenfehler bei Hebelprodukten
Ein Faktorzertifikat mit Faktor vier bildet den Basiswert täglich vierfach ab. Über mehrere Tage tut es das nicht – und der Unterschied ist kein Detail. Ein Beispiel: Der Basiswert steigt an einem Tag um 10 % und fällt am nächsten um 9,09 %. Er steht danach wieder genau bei 100.
| Faktor | Stand nach zwei Tagen | Verlust |
|---|---|---|
| 2× | 98,18 | −1,82 % |
| 3× | 94,55 | −5,45 % |
| 4× | 89,09 | −10,91 % |
Die drei Retail-Hebelprodukte im Vergleich
| Produkt | Konstruktion | Worauf zu achten ist |
|---|---|---|
| Knock-out-Zertifikat | Hebel über eine eingebaute Finanzierungsschwelle; bei Berührung verfällt es | Der Totalverlust ist sofort und endgültig – auch bei einer kurzen Spitze mitten in der Nacht |
| Faktorzertifikat | Konstanter täglicher Hebel, täglich neu aufgesetzt | Pfadabhängigkeit: über Zeit entspricht das Ergebnis nicht dem Faktor |
| CFD | Vertrag über die Kursdifferenz, mit variabler Sicherheitsleistung | Laufende Finanzierungskosten, Spread und die Kursstellung des Anbieters selbst |
- Die Finanzierungskosten sind die am häufigsten übersehene Position. Ein gehebeltes Produkt enthält einen Kredit, und der wird verzinst – meist mit einem Aufschlag auf den Referenzzins. Bei niedrigen Zinsen fiel das kaum auf; seit sie gestiegen sind, ist es ein spürbarer laufender Abzug.
- Der Spread ist bei diesen Produkten die eigentliche Vergütung des Emittenten. Er wird nicht als Gebühr ausgewiesen, sondern liegt zwischen An- und Verkaufskurs – und ist außerhalb der Handelszeiten des Basiswerts am breitesten.
- Anpassungsklauseln. Der Emittent darf Bedingungen unter definierten Umständen ändern. Wer die Klauseln nicht gelesen hat, erfährt davon erst, wenn sie angewendet werden.
- Emittentenrisiko. Alle drei sind rechtlich Schuldverschreibungen der ausgebenden Bank – kein Sondervermögen. Bei deren Ausfall ist das Papier wertlos, unabhängig vom Basiswert.
Regulierung und Steuern
- Verlustbegrenzung bei CFDs. Für Privatanleger in der EU ist die Nachschusspflicht bei CFDs untersagt; der Verlust ist auf das Kontoguthaben begrenzt. Bei anderen Produkten gilt das nicht – die Regelung ist produktbezogen, nicht anlegerbezogen.
- Kontrahentenrisiko außerbörslich. Was nicht über eine Clearingstelle läuft, trägt das Ausfallrisiko der Gegenpartei. Nach 2008 wurde ein großer Teil des Standardgeschäfts in das zentrale Clearing gezwungen – genau deshalb.
- Verlustverrechnung bei Termingeschäften. In Deutschland galt für Verluste aus Termingeschäften zeitweise eine gesonderte Betragsgrenze. Sie traf Absicherungsstrategien besonders hart, weil dort planmäßig ein Bein verliert, während das andere gewinnt – und die Verrechnung genau daran scheiterte. Die Rechtslage hat sich mehrfach geändert und war verfassungsrechtlich umstritten.
Was du dir merken solltest
- Terminpreise folgen der Arbitragefreiheit, nicht einer Prognose – eine steigende Kurve sagt etwas über Zinsen und Lagerkosten.
- Ein täglicher Hebel ist über mehrere Tage kein Hebel; Schwankung kostet unabhängig von der Richtung.
- Finanzierungskosten und Spread sind bei Hebelprodukten die eigentliche Vergütung des Emittenten.
- Alle Retail-Hebelprodukte sind Schuldverschreibungen der Bank, kein Sondervermögen.
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