Die Zinsstrukturkurve
Trägt man die Renditen desselben Emittenten über alle Laufzeiten auf, entsteht die Zinsstrukturkurve. Ihre Form ist eine der meistbeachteten Größen an den Finanzmärkten, weil sie zusammenfasst, was der Markt über die kommenden Jahre denkt.
| Form | Verlauf | Was daraus gelesen wird |
|---|---|---|
| Normal | Lange Laufzeiten rentieren höher als kurze | Der Regelfall: Für längeres Binden wird eine Prämie verlangt |
| Flach | Kurz und lang liegen nahe beieinander | Übergangsphase – der Markt erwartet keine klare Richtung mehr |
| Invers | Kurze Laufzeiten rentieren höher als lange | Der Markt erwartet fallende Zinsen, meist wegen einer erwarteten Abkühlung |
Warum die Kurve überhaupt steigt, erklären drei Theorien nebeneinander. Die Erwartungstheorie sagt: Lange Zinsen sind der Durchschnitt der erwarteten kurzen. Die Liquiditätsprämientheorie ergänzt einen Aufschlag dafür, dass man sich länger bindet. Die Marktsegmentierungstheorie verweist darauf, dass Versicherer und Pensionskassen aus regulatorischen Gründen lange Laufzeiten kaufen müssen – unabhängig von jeder Erwartung. In der Praxis wirken alle drei.
Aus der Differenz zwischen nominaler und inflationsindexierter Kurve lässt sich außerdem die Breakeven-Inflationsrate ablesen: die Preissteigerung, bei der beide Papiere dasselbe Ergebnis brächten. Sie ist die am Markt gehandelte Inflationserwartung – nicht die Prognose einer Behörde, sondern das, wofür Anleger tatsächlich Geld einsetzen.
Spreads zwischen Ländern
Innerhalb der Eurozone haben alle Staaten dieselbe Währung – und trotzdem verschiedene Renditen. Der Abstand zur deutschen Bundesanleihe gleicher Laufzeit ist das übliche Maß dafür und wird täglich beobachtet.
- Bonität. Schuldenstand, Haushaltslage und Wachstumsaussichten. Der offensichtlichste Treiber, aber nicht immer der stärkste.
- Liquidität. Der deutsche Markt ist der tiefste der Eurozone. Ein Teil des Abstands ist schlicht der Preis dafür, dass man kleinere Märkte schlechter verlassen kann.
- Politische Unsicherheit. Spreads reagieren auf Wahlen und Haushaltsentwürfe oft stärker als auf die Schuldenquote selbst – die ändert sich langsam, die politische Lage nicht.
Dahinter steht eine strukturelle Spannung: Die Eurozone hat eine gemeinsame Geldpolitik, aber neunzehn getrennte Haushalte. Ein einzelner Staat kann seine Schulden nicht durch eigene Geldschöpfung bedienen – er ist in einer Währung verschuldet, die er nicht selbst herstellt. Genau darin liegt der Unterschied zwischen der Eurokrise ab 2010 und der Lage Japans, das bei einer weit höheren Schuldenquote nie in eine vergleichbare Zwangslage geriet.
Emission und Handel
Neue Papiere kommen über Auktionen an den Markt: Der Bund gibt Termin und Volumen bekannt, zugelassene Banken geben Gebote ab. Das ist der Primärmarkt. Danach werden die Papiere an der Börse weitergehandelt – der Sekundärmarkt, an dem auch Privatanleger teilnehmen. Die Kurse dort bestimmen, was der Staat bei der nächsten Auktion zahlen muss.
| Weg | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|
| Einzelne Anleihen | Fester Endtermin: Wer hält, bekommt den Nennwert | Aufwand, größere Stückelungen, wenig Streuung |
| Anleihe-ETF | Streuung über viele Papiere, jederzeit handelbar | Kein Endtermin – ein Kursverlust löst sich nicht von selbst auf |
| Laufzeitleiter | Gestaffelte Fälligkeiten; jedes Jahr wird ein Teil frei und neu angelegt | Erfordert regelmäßige Wiederanlage von Hand |
Warum 2022 nicht funktioniert hat, was funktionieren sollte
Die klassische Aufteilung setzt darauf, dass Anleihen steigen, wenn Aktien fallen. 2022 fielen beide gleichzeitig – für viele Depots das schlechteste Jahr seit Jahrzehnten. Der Grund lässt sich ausrechnen. Eine zwanzigjährige Anleihe mit 1 % Kupon, gekauft bei einem Marktzins von 1 %, steht bei 100. Dann steigt der Zins:
| Zinsanstieg | Neuer Kurs | Kursverlust |
|---|---|---|
| + 1 % | 83,65 | −16,4 % |
| + 2 % | 70,25 | −29,8 % |
| + 3 % | 59,23 | −40,8 % |
Was du dir merken solltest
- Die inverse Kurve hat eine gute Trefferquote als Rezessionssignal und sagt nichts über den Zeitpunkt.
- Spreads in der Eurozone entstehen aus Bonität, Liquidität und politischer Unsicherheit – nicht nur aus der Schuldenquote.
- Wer den Euro nicht selbst herstellt, ist in fremder Währung verschuldet; das ist der Kern der Eurokrise.
- Der Anleihepuffer wirkt gegen Konjunkturschwäche, nicht gegen Inflation – 2022 fielen deshalb beide Seiten.
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